Something´s happening! Social Media – eine neue Ära?

By ethority - social media intelligence team
In Januar 28, 2010

„Es herrschte Wahnsinn in jeder Richtung, zu jeder Stunde, man konnte überall Funken erzeugen. Es herrschte ein fantastisches, universelles Gefühl, dass, was immer wir taten, richtig war, dass wir gewinnen würden.“

Das Gefühl, mit Social Media in eine neue Ära zu treten, haben viele. Da neuen Zeitaltern meistens gesellschaftliche Revolutionen vorausgehen, setzt man auch Social Media gerne in Relation zu anderen grundlegenden, gesellschaftlichen Umstürzen: Ist Social Media der größte Shift seit der industriellen Revolution, oder die neue Punk-Bewegeung? Andere Vergleiche drängen sich auf: Haben wir etwa nur einen schnellen Goldrausch wie zum Beispiel 1849 in Californien? Erleben wir die Aufklärung 2.0? Oder bekommen gar die 68er eine zweite Chance? Mal sehn:

Die industrielle Revolution war zwar eine massive soziale Umwälzung, aber sie wird dem Approach des Web 2.0 nicht gerecht. Auch wenn die Reaktionen so mancher Vertreter der klassischen Medien ein wenig an die Maschinenstürmer erinnert – die Technologie steht hier als Mittel zum Zweck im Hintergrund. Sie ersetzt nicht den Menschen, sondern ermöglicht ihm zu handeln, seine Persönlichkeit herauszubilden und auszuleben. Sie gibt Raum für Experimente und Ideen, ohne auf maximale Effizienz zu achten. Für Unternehmen jedoch mag der Vergleich mehr Bedeutung haben: Wie sich damals die Produktionsweise und das Verhältnis zum Arbeiter gewandelt hat, so müssen sich die Unternehmen heute auf eine neue, konstruktive Ebene mit den Kunden begeben. Bleibt abzuwarten, wie die Unternehmen reagieren werden und wie Social Media auf die Unternehmen reagieren wird.

Der Reiz für diese ist groß: Als im Januar 1848 bei Sutter’s Mill einige Goldnuggets gefunden wurden, dauerte es knapp zwei Jahre, bis San Francisco von einem beschaulichen Städtchen mit 1.000 Einwohnern zu einem Moloch mit 25.000 Einwohnern anschwoll und mit Ratten, verheerenden Bränden und Seuchen zu kämpfen hatte. Nur fünf Jahre später war der Goldabbau in der Hand der großen Minengesellschaften, die Zeit der Claims und Goldwäscher vorbei, und die Natur bis heute belastet durch den massiven Einsatz von Quecksilber zur Goldgewinnung. Droht dem neuen sozialen Netz ein solches Schicksal?

Wohl kaum. Der moderne User ist anders gestrickt als der typische Fourty-Niner. Er hat keine Goldader gefunden, die er ausbeuten könnte. Er selbst ist die Quelle, wie die Millionen Anderer, mit denen er gemeinsam am Web 2.0 partizipiert. Er hat zwangläufig mehr Interesse an Nachhaltigkeit. Er konsumiert nicht nur passiv. Er produziert selbst, oder er beteiligt sich zumindest aktiv am Schaffen von Neuem, und sei es nur durch das Mitteilen und Verbreiten seiner Meinung. Mit der Aufforderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, schuf Kant 1784 einen der wichtigsten Grundsätze der Aufklärung. Eben dieser Anspruch wird an den Internetnutzer dieses Jahrzehnts im besonderen Maße gestellt. Er muss Informationen filtern, eigenständig bewerten, seine Quellen sorgsam auswählen und dennoch die Augen offen halten nach Frischem und Unbekanntem. Und wie schon damals, geht eine neue Qualität der weltweiten Demokratisierung mit dem neuen Drang nach Offenheit einher.

Und wie passt dann Punk in diese Reihe der Analogien? „No Future“ ist keine Einstellung die man Social Media nachsagen könnte. Wohl aber die Abkehr von etablierten Kanälen. Genau wie in HipHop, der den Punk als Subkultur letztendlich ablöste, liegt in Social Media die Aufforderung zu kreativem Schaffen. „Zeigt euch, werdet laut, tut euch zusammen, macht etwas, sagt eure Meinung, vertraut nicht auf veraltete Systeme sondern schafft etwas Eigenes!“ Und nicht zuletzt: „Gründet eigene, alternative Vertriebswege und Monetarisierungsmodelle!“

Und genau hier liegt vielleicht auch der Punkt, warum ich in Social Media kein Revival der 68er sehe. Bei aller Träumerei, bei allem Idealismus, bei aller Bereitwilligkeit zu Teilen und zum Miteinander: Social Media ist mehr als eine Idee und der Wille, etwas besser zu machen als die vorherigen Generationen. Man bekommt nicht nur die Aufforderung etwas zu verändern, sondern gleich ein machtvolles Werkzeug dazu, das Menschen verbindet – und auf diese kommt es letztendlich an. Wer das einleitende Zitat bereits erkannt hat, wird wissen, wie es endet:

„Dieses Gefühl des unvermeidlichen Sieges über das Alte und das Böse, nicht in einem fiesen oder militärischen Sinne, das hatten wir nicht nötig. Unsere Energien würden sich einfach durchsetzen. Wir hatten den Moment auf unserer Seite, wir ritten auf den Kamm einer hohen und wunderschönen Welle. Und jetzt, nicht ganz 5 Jahre später, kann man auf einen steilen Hügel in Las Vegas klettern, und nach Westen sehn, und wenn man die richtigen Augen hat, kann man die Hochwassermarke sehn, den Ort, wo sich die Welle schließlich brach und zurückrollte.“ Raoul Duke

Arbeiten wir alle gemeinsam daran, dass es nicht so kommt.

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