Grauzone Internet – Wie die Jugendlichen im Web langsam zur Minderheit werden

By ethority - social media intelligence team
In Juli 5, 2011

Es ist fast schon ein Ritual, diese alljährliche Bekanntgabe der Statistiken der ARD-ZDF-Onlinestudie. Dieses Mal erscheint die Pressemitteilung zu den Zahlen nicht nur besonders früh im Jahr, sondern die Zahlen sind auch ziemlich spektakulär.

Was ist: Die Onlinegesellschaft 2011

Zum einen steckt darin die Aussage, dass die Onliner nun bereits eine qualifizierte Bevölkerungsmehrheit haben. Zum anderen holen insbesondere die „Silver-Surfer“ sehr stark auf. Die Durchdringung bei den Über-60jährigen ist allein im Vergleich mit dem Vorjahr um 22% gestiegen.

Noch spannender sind aber die absoluten Zahlen. Ich habe einmal die Anzahl der Internetnutzer der beiden Altersgruppen der Unter-30jährigen und der Über-50jährigen verglichen:

Internetnutzung U30 vs. 50+ (Daten: ARD-ZDF-Onlinestudie 2011)

Internetnutzung U30 vs. 50+ (Daten: ARD-ZDF-Onlinestudie 2011)

Man sieht sehr deutlich, wie das Internet bis zu diesem Jahr ein Medium der Jungen gewesen ist. Bedingt durch den demographischen Wandel wird die Zahl der älteren Internetnutzer in den nächsten Jahren immer stärker wachsen, während die jungen Internetnutzer einen immer geringeren Anteil der deutschen Onlinegesellschaft ausmachen werden. Nicht nur ist zwischen 2010 und 2011 nach den Daten der ARD-ZDF-Onlinestudie leicht zurückgegangen, sondern gleichzeitig hat Ü50-Kurve die U30-Kurve fast erreicht.

Im Klartext: Im Moment gibt es genauso viele Onliner, die älter als 50 sind, wie Onliner unter 30. Und dabei sind fast alle Unter-30jährigen online (die Durchdringung liegt zwischen 98% und 100%), während bei den Über-50jährigen noch große Potentiale bestehen (Durchdringung von 69% bzw. 35%). Die Generation-Gap zwischen den beiden Altersgruppen ist in diesem Jahr so niedrig wie nie zuvor:

Generation-Gap (Daten: ARD-ZDF-Onlinestudie 2011)

Generation-Gap (Daten: ARD-ZDF-Onlinestudie 2011)

Was kommen wird: Die Prognose für 2020

Im nächsten Jahr wird die Internetdemographie also auf den Kopf gestellt. Auch hier verwandelt sich die demographische Pyramide langsam in eine Urnenform. Ich habe auf Grundlage der Bevölkerungsvorausberechnung des statistischen Bundesamtes die Daten einmal in die Zukunft projiziert. Das heißt, ich habe die prozentuale Internetdurchdringung der Altersgruppen auf die Altersstruktur im Jahr 2020 vorausberechnet (das ist also eine sehr konservative Prognose, die annimmt, dass auch 2020 nur 35% der Über-60jährigen das Web nutzen). Das Ergebnis:

Internetnutzer 2001-2020 (Daten: ARD-ZDF-Onlinestudie, Destatis; eigene Projektion)

Internetnutzer 2001-2020 (Daten: ARD-ZDF-Onlinestudie, Destatis; eigene Projektion)

Im Jahr 2020 wird die Onlinebevölkerung dann in dieser Projektion aus 12,6 Mio. Unter-30jährigen bestehen (heute sind es noch 14,9 Mio.). Über 50 werden dagegen 17,7 Mio. Menschen sein (heute erst 14,7 Mio.). Das ist wie gesagt die konservative Variante. Nimmt man hingegen an, dass die Durchdringung bei den Über-50jährigen weiter wächst (z.B. auf 75% bei den Über-50jährigen und auf 50% bei den Über-60jährigen), dann haben wir 2020 bereits 34,9 Mio. Internetnutzer in der Altersgruppe 50+. Wie auch immer man das dreht: Im Jahr 2020 wird das Internet auf jeden Fall kein junges Medium mehr sein.

Die spannende Frage lautet: Hat sich die deutsche Internetwirtschaft schon auf diese Entwicklung eingestellt? Um zu erfahren, welche Geschäftsmodelle, welche Themen, welche Interfaces sich in Zukunft durchsetzen werden, dürfen wir vielleicht nicht mehr so sehr auf die jüngeren Lead-User blicken, sondern sollten uns viel stärker den „jungen Alten“ zuwenden. Man könnte auch ketzerisch die Frage stellen: Müsste ein Magazin, das sich mit der Internetkultur beschäftigt wie die deutsche Wired in Zukunft nicht viel eher der Apotheken Umschau beiliegen als der GQ?

11 Comments

  1. Pingback: Was Sie verpasst haben: Kurzpässe aus KW23 | SMO14 - New Media Excellence

  2. @Benedikt: +1

    @hinterwald: Genau!

  3. da ich jetzt auf ca 20 jahre zurückgucken kann, wage ich mal einen blick nach vorne: in 20 jahren werdet nur noch ihr „jungen“ im internet rumlungern und eure kinder machen irgendwas mit holos, was ihr total bescheuert finden werdet. 😉

  4. Pingback: Ältere Internetnutzer bald in der Mehrheit? | report München-Blog

  5. Ich denke, dass sich das Verhalten der älteren Webaffinen von dem der anderen Älteren unterscheiden wird. Insofern könnte man tatsächlich überlegen, ob diese Einteilungen noch sinnvoll sind oder zukünftig sein werden. Einige Probleme jedoch werden die gleichen sein, z.B. hinsichtlich Bedienbarkeit und Nutzbarkeit (schwache Kontraste usw.). Hier werden sich einige mit Styles und Scripts teilweise selber gut helfen können. Dass man jedoch auf diese ständig wachsende Nutzergruppe der Älteren eingestellt wäre, kann ich nicht sehen.

  6. Pingback: Digital Natives sehen 4 Stunden am Tag fern | TechBanger.de

  7. @Sascha Noch ein Grund mehr, mit dieser unsinnigen Kategorie 60+ endlich aufzuhören. Die 60jährigen heute sind anders als die 60jährigen vor 20 Jahren. Trotzdem bleibt die Aussage: Das Internet wird demographisch bedingt immer älter. Und damit müssen wir uns auseinandersetzen.

  8. Wir werden halt älter. Also, jeder einzelne. Unter 30 bin ich nicht mehr, und in 10 Jahren bin ich schon über 40. Allerdings benehme ich mich nicht wie meine Eltern es in diesem Alter getan haben. Zurückzusehen und vom Verhalten der heutigen 50+ auf unser Verhalten in 20 Jahren hochzurechnen, ist nicht zulässig. Oder?

  9. @André In der Tat, der Begriff Onlinenutzer ist sehr unscharf. Dennoch würde sich an dem von mir konstatierten Trend nicht viel ändern, wenn man ihn strenger fassen würde. Ich habe in meiner Prognose extra nicht die Veränderung der Internetdurchdringung in den Altersgruppen zur Grundlage genommen, sondern den demographischen Wandel, der dahinter steht.

    Viel mehr Bauchschmerzen als der Begriff „Online“ macht mir aber die Alterskategorie „60+“. Dahinter verbergen sich heute schon 1/4 der Gesellschaft und in zehn Jahren werden es 1/3 sein. Hier brauchen wir in der ARD-ZDF-Onlinestudie schon jetzt eine feinere Abstufung. In Zukunft wird man dann eher die U30 als Restkategorie zählen können.

    @Stefan Ja, auf die Missverständlichkeit habe ich es mit dem Titel explizit angelegt. Im Übrigen habe ich den Schlusssatz nicht als Seitenhieb auf die Apotheken Umschau verstanden (eines der wenigen Printprodukte mit sicherer Zukunft), sondern auf die nach wie vor stark verbreitete Annahme, Internetkultur wäre eine Sache der jungen Erwachsenen.

  10. Toll, wie die Daten weitergedacht wurden. Weder die PM noch der Post geben allerdings Auskunft über die Definition „Onliner“, normaler Weise sind es ja „gelegentliche Onlinenutzung“ oder „Onlinenutzung innerhalb der letzten vier Wochen“ http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/fileadmin/Online10/07-08-2010_van_Eimeren.pdf S. 334f bzw. Tab 1.

    Auch wenn dabei kaum große Unterschiede auftreten (S. 335)lassen solche Definitionen in den gezeigten Zahlen wiederum große Unsicherheit bzw. Spielräume zu, welche das Fazit wieder aufweichen. Der Unterschied zwischen einer quasi pausenlosen Nutzung und einem Surfen im 4-Wochen Abstand ist für solch eine Frage (und der nach „Internetkultur (-beeinflussung“)) zu groß.

    Letztendlich sollte der Begriff der „Onliner“ schnellstens differenzierter erhoben und neben Nutzungshäufigkeiten und Dauern auch Anwendungsmöglichkeiten beinhalten. Aufgrund solcher Daten wäre dann der Altersvergleich wesentlich interessanter.

  11. Sehr spannende Geschichte und den Seitenhieb auf die Apotheken Umschau passt ja auch perfekt – wobei ich neulich auch bei der rtv, der kostenlosen Fernsehzeitschrift, feststellen musste, dass so gut wie auf jeder Seite Werbung für Rollator, Treppen- oder Badewannenlifte geschaltet wird.

    Notiz am Rande: Die Überschrift erinnert im Übrigen doch stark an die vor wenigen Monaten bei RTL2 ausgestrahlte Sendung „Tatort Internet“ – zumindest ich dachte erst an eine Analyse der steigenden Onlinekriminalität (und nicht zuletzt der gar gefährlichsten Aktivitäten überhaupt: das Organisieren von Facebook-Parties). Auf einen Beitrag zu letzterem hoffe ich ja noch 🙂

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