Seiberts Twitter-Fehler und die Folgen

By Alexander Becker
In Mai 2, 2011

Am gestrigen Morgen ist dem Sprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Steffen Seibert, ein peinlicher Fehler passiert. Er ließ im Namen der Bundeskanzlerin verlauten: “#Kanzlerin: Obama verantwortlich für Tod tausender Unschuldiger, hat Grundwerte des Islam und aller Religionen verhöhnt.” Seibert verwechselte US-Präsident Barack Obama mit dem getöteten Terroristen Osama Bin Laden.

Seibert_Tweet

Aus dem peinlichen Fehler und den daraus resultierenden Reaktionen lassen sich allerdings drei interessante Rückschlüssen ziehen.

1. Twitter ist endlich auch in Deutschland ein ganz ernsthafter Kanal

Groß war die Aufregung unter der Hauptstadtpresse, als Seibert anfing zu twittern und die Journalisten damit zwang einen weiteren potentiellen Nachrichtenkanal auf den Schirm zu behalten. Heißt: Sie mussten Twitter ernstnehmen. Genau das machen sie mittlerweile. Deshalb auch die harschen Reaktionen auf den Vertipper. Nur über etwas, dass man wirklich ernst nimmt, kann man sich entsprechend aufregen.

2. Die Zeit der Spielerei ist vorbei. Auch Twitter muss professionell angegangen werden.

Wenn also selbst eher innovationskritische Politikjournalisten Twitter nutzen, um seriös informiert zu werden, habe die Follower auch einen gewissen Anspruch, dass man sich größtmögliche Mühe gibt, seine Leser fehlerfrei zu bedienen. Bei Privatnutzern ist das wurscht. Aber bei einem Regierungssprecher sollte immer ein Schlussredakteur die Tweets gegenlesen.

Für Unternehmen und andere Profi-Nutzer bedeutet das auch, dass die Zeit des gedankenlosen Rumspielens auf Twitter und anderen Social Media-Plattformen vorbei ist. Spätestens jetzt ist es an der Zeit den Microbloggins-Dienst professionell anzugehen.

3. Man darf Fehler machen, sollte sie aber nicht versuchen zu vertuschen.

Trotz allem professionellen Bemühen passieren Fehler. Wichtig ist, wie man mit ihnen umgeht. Seibert ging wie folgt vor. Er schrieb erst “Korrektur: bin Laden verantwortlich für tod tausender unschuldiger.”. Löschte später aber den Ursprungs-Tweet und die Korrektur, um nur noch den richtigen Tweet: “#Kanzlerin: Osama bin Laden verantwortlich für Tod Tausender Unschuldiger, hat Grundwerte des Islam und aller Religionen verhöhnt.” stehen zu lassen.

Das ist die falsche Vorgehensweise. Gerade bei Social Media gilt: Möglichst viel Offenheit. Wenn also Fehler passieren, entschuldigen und korrigieren. Aber nicht ständig alles wieder löschen. Die Nutzer wollen mit authentischen Menschen kommunizieren und echte Menschen sind nicht perfekt. Denn genau das macht sie – auch in Social Medien – besonders sympathisch.

8 Comments

  1. Ich wusste, dass ich noch einen Blogeintrag finde, der sowas behauptet. Absolut lächerlich. Ihr habt von Social Media wirklich überhaupt keine Ahnung, oder? Der Account des @RegSprecher ist mehr als vorbildlich und jeder hätte diesen Tweet gelöscht. Lasst ihr Tipp-Fehler in Blogartikeln stehen, ihr “Social Media Profis”?

  2. Pingback: Die besten Links der vergangenen Woche |

  3. Zu Punkt 3 wurde in den Vorgängerkommentaren eigentlich schon alles gesagt. Transparenz und Authentizität sind wichtig, man muss es damit aber auch nicht übertreiben. Dann müsste ja demnächst jeder Tippfehler in einem Onlineartikel durchgestrichen und die Korrektur in Klammern dahinter geschrieben werden. Vollkommen absurd.
    Worüber ich mich aber köstlich amüsiert habe, war die Forderung in Punkt 2, die Tweets müssten von einem Schlussredakteur gegengelesen werden. Was hat denn das bitte noch mit dem Sinn von Twitter zu tun? Schreibe ich dann tagsüber meine Tweets in einem Word-Dokument und lege sie abends einem Lektor vor, der sie dann eintippen darf? Oder tippe ich meinen Tweet in das Eingabefeld und rufe dann nochmal jemanden herbei, ob er diese 140 Zeichen nochmal Korrektur lesen kann? Nein, geht ja auch nicht – dann kommen ja morgen wieder die selbsternannten Social-Media-Päpste und bemängeln, dass jeder private Twitterer dreimal schneller wäre.

  4. Es geht hier nicht ums Vertuschen, das zu unterstellen ist meiner Meinung nach in diesem konkreten Kontext sachfremd. In einem offiziellen Account der Bundesregierung darf ein solcher Fehler so oder so nicht stehen. Denn hier geht es vorallem auch um Seriosität.

  5. Den vorhergehenden Kommentaren kann ich nur zustimmen. Über die zahlreichen Social Media-Spezialisten, die nun über all den Zeigefinger heben, und erklären, wie man es machen muss, kann ich nur den Kopf schütteln. Social Media-Kommunikation ist vor allem eine Sache des gesunden Menschenverstands und fordert soziale Kompetenz … beides begleitet Herrn Seibert bei seinem Tun auf Twitter. Der Zeigefinger-Fraktion geht es meines Erachtens vor allem ihre Daseinsberechtigung.

  6. Es war vollkommen okay, dass der @RegSprecher den Tweet gelöscht. Ich halte es für ziemlichen Unsinn, an dieser Stelle das Dogma “man löscht keine Tweets” zu perpetuieren.
    Den Tweet zunächst zu korrigieren und einige Zeit stehen zu lassen, um es nicht nach hastiger Vertuschung aussehen zu lassen, war der Transparenz genug.
    Man stelle sich einmal die diplomatischen Implikationen vor, wenn der @RegSprecher den Tweet (der ja auch singulär aufrufbar ist) tagelang stehengelassen hätte.

  7. (Disclaimer: Der aufmerksame Leser meines Kommentars mag außerdem zu recht unterstellen, ich hätte ein ganz grundsätzliches Verständnis für Menschen, die Tippfehler machen.)

  8. Aber das hat er doch getan, entschuldigt und korrigiert! Ich halte das für richtig, den Tweet zu löschen. Wäre es denn besser gewesen, den Tweet auf ewig stehen zu lassen, mit eigenem Permalink so dass jeder auf ewig darauf verlinken kann (ohne dass gleichzeitig die Richtigstellung erscheint)? Und wozu? Der Mann hat kommunziert und sich ganz dabei offensichtlich vertippt und “b” mit “s” vertauscht. Da kann man ja prima drüber lachen (zumal, wenn man an Obamas Verantwortung als Oberbefehlshaber denkt), das muss man wohl auch schlampig uznd von mir aus peinlich finden, mann kann von mir auch auch mit Dr. Freud spekulieren, was da im Hinterzimmer vom Oberstübchen los war.
    Das ist doch kein Vertuschungsversuch, es geht doch um einen grob sinnentstellenden Flüchtigkeitsfehler. Ich finde, das Authentizitätsmantra wird zuweilen etwas gedankenlos heruntergeleiert.

Leave A Comment