„Die App stirbt aus“: Warum Zukunftsforscher Graf unrecht hat

By Alexander Becker
In Februar 17, 2011

Bei heute.de ist gestern ein erstaunliches Interview mit Joachim Graf online gegangen. Der Zukunftsforscher sieht keine guten Aussichten für Apps und wohl auch für die dazugehörige App-Ökonomie. „Ich wage die ketzerische These, dass ihr Lebenszyklus beschränkt ist“, sagt Graf. „Sie erinnern mich an den Erfolg des Commodore C64. Der war in den Achtzigern als Spielkonsole äußerst populär und verkaufte über 30 Millionen Geräte. Doch mit dem Siegeszug der offenen, aufrüstbaren Intel-PC begann sein Abstieg. Ich prophezeie der mobilen App das gleiche Schicksal.“

Der Experte glaubt, dass der Erfolg von Apps immer weniger planbar wird. „Bislang war der Erfolg durch den Neuheiten-Effekt vorgegeben. Inzwischen ist die Zahl der Apps schlicht zu groß.“ Zudem hält er die Vielzahl der unschiedlichen Plattformen für „volkswirtschaftlicher Unfug“.

Der Forscher denkt jedoch zu weit in die Zukunft. Der App-Markt ist noch immer am wachsen. Das lässt sich alleine daran ablesen, dass noch immer nur ein kleiner Teil aller Kunden ein Smartphone besitzen. Heißt: Für viele Jahre werden die Verkäufe der entsprechenden Geräte noch stark zunehmen, genauso nehmen die App-Verkäufe zu. Alleine im Vergangen Jahr wurden laut Hightech-Verband Bitkom rund 900 Millionen Applikationen runtergeladen. Damit hat sich die Zahl der App-Downloads im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt (plus 112 Prozent).
bitkom

Dieser Trend wird auch nicht abbrechen. Denn laut den Marktforschern von Gartner sollen 2011 weltweit 17,7 Milliarden Apps heruntergeladen werden. Das würde wiederum eine Verdopplung bedeuten. 2010 lagen die Downloads noch bei 8,2 Milliarden. “Apps sind keine vorübergehende Modeerscheinung, sondern entwickeln sich zu einem festen Bestandteil zukünftiger Informations-Nutzung”, zitiert Chip Online die Gartner-Analystin Stephanie Baghdassarian.

Der Zukunftsforscher hat aus einer rein wissenschaftlichen Sicht recht, wenn er anführt, dass die App-Ökonomie seltsam ist. Eine offene Plattform über die alle Applikationen laufen würden, wäre natürlich aus Entwicklersicht wünschenswert, ist aber völlig unrealistisch. Wirtschaftliche Entwicklungen folgen keiner Logik. Es werden immer unterschiedliche Systeme gegeneinander kämpfen.

4 Comments

  1. Lieber Herr Graf,

    es ist tatsächlich gut möglich, dass (sehr) langfristig das Konzept der Apps scheitert. Aktuell sind sie jedoch so etwas wie eine Brückentechnologie. Wir technik-begeisterten Allways-On-Leute sehen jetzt schon die Zukunkft in HTML 5 & Co. Die Realität heißt jedoch App-Ökonomie – mit noch immer steigender Tendenz. Für viele Nutzer, die nicht so firm mit dem Web sind, scheinen Applikationen die Mediennutzung zu ordnen und zu beruhigen. Ich behaupte: Viele Nutzer genießen es förmlich, nur auf ein Symbol drücken zu müssen und nur ein Dienst öffnet sich. Übrigends: Das mit dem “Zukunftsforscher” habe ich mit höchsten Respekt geschrieben.

  2. Danke für die Diskussion meiner (auf heute.de allerdings stark verkürzten) Thesen. Wenn man mir unter “unrecht” vorwirft: “Der Forscher denkt jedoch zu weit in die Zukunft”, dann sehe ich das allerdings eher als Kompliment an.

    Nochmal zu meiner Argumentation “Die App ist der nächste C64”: Der Commodore 64 war der erfolgreichste Heimcomputer überhaupt. Und dennoch hat er (als geschlossenes System) keine “Homecomputer Economy” begründet. Wohl aber der IBM-PC – weil es ein offenes System war.

    Apps sind erfolgreich. Sie folgen dem Weg der Granularisierung der Software. Aber sie begründen keine “Appconomy”. Wie meine Vor-Kommentatoren schon sagen: Widgets / Web-Apps werden die Sieger sein. Spätestens mit HTML 5 & Co. Wozu brauche ich eine App, wenn ich ohnehin ständig online bin?

  3. Ich glaube auch nicht, dass Herr Garnter da so falsch liegt. Die Nutzung von Apps wird zugunsten systemunabhängiger, mobiler Webseiten abnehmen. Der Prozess hat heute schon begonnen, warum sollte das unrealistisch sein?

    Auch wenn sich die App-Nutzung 2011 verdoppeln mag, die Nutzung mobiler Webseiten wird sich vervielfachen.

  4. Ich bin allerdings auch gleicher Meinung wie Herr Graf. Das entwickeln von Apps für unterschiedliche Plattformen ist sehr aufwändig und erfordert unterschiedliche Kenntnisse. Also wirklich ein „volkswirtschaftlicher Unfug“!

    Hingegen kann man mit Web-Apps mit einer einmaligen Entwicklungen alle grossen mobilen Betriebssysteme bedienen. Man hat nur einmalige Entwicklungskosten, ist auf keine Update-Zyklen von den OS-Anbieter angewiesen und kann inzwischen die meisten Funktionen von Apps auch mit Web-Apps umsetzen. Im Look & Feel stehen Web-Apps den normalen Apps in nichts mehr nach…

    Meine Prognose: Web-Apps sind die Zukunft!

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