Von der Gutenberg-Festung zum digitalen Kontinent

By ethority - social media intelligence team
In Juli 8, 2009

O'Sullivan: Die Humboldt Berge, Nevada
„Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, dass man neue Länder sucht, sondern dass man mit neuen. Augen sieht,“ schrieb Marcel Proust lange bevor das Internet auch nur im Bereich des Vorstellbaren war. Aber dieser Aphorismus passt meiner Meinung nach sehr gut zur Lage der Social Media und des Internets in der Gegenwart. Denn eine wichtige Frage lautet: Sind Social Media und das Internet überhaupt immer noch so etwas wie „neue Länder“, in denen man sich auf Entdeckungsreise begeben kann? Oder ist die dahinter steckende Leitmetapher des Internets als Raum, der von Datenautobahnen durchzogen wird, bereits eine veraltete Denkfigur?

Das Internet als neuer Kontinent – eine veraltete Metapher

Viele denken das Internet immer noch als neuen Kontinent. Ganz prominent Papst Benedikt XVI, der zum diesjährigen Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel zur „Missionierung des Digitalen Kontinents“ aufgerufen hat. Oder die vielen Artikel der Süddeutschen Zeitung, FAZ oder Zeit, in der die Autoren ganz klar eine Haltung des „outside-looking-in“ einnehmen und auf die „digitalen Eingeborenen“ wie auf einen exotischen Stamm blicken (inklusive aller Überlegenheitsgefühle und Stereotypen dieser „Staranwälte der Gutenbergära“).

Der digitale Kontinent wird nicht von Early Adopters bevölkert, sondern von der Early Majority

Auf der anderen Seite: Ein Blick auf die wichtigsten Zahlen für diesen Bereich ergeben ein ganz anderes Bild. Die Internetdurchdringung liegt mittlerweile auch in Deutschland zwischen 67% (ARD/ZDF-Onlinestudie 2009) und 76% (ACTA 2008). Ein unerforschter digitaler Kontinent mit 50 Millionen Einwohnern? Wenn man auf die jüngeren Generationen blickt, sind die Zahlen noch beeindruckender: 71% der 7 bis 10jährigen, 93% der 11 bis 14jährigen und sogar 99% der 15 bis 17jährigen Deutschen nutzen das Internet, hat der BITKOM gerade festgestellt. Wer hier von einer exotischen Minderheit spricht, hielt vermutlich auch Das Kursbuch für eine Massenpublikation. Der digitale Kontinent wird nicht von Early Adopters bevölkert, sondern von der Early Majority – vielleicht sogar immer stärker auch von der Late Majority, wenn man sich vergegenwärtigt, dass mittlerweile bereits 25% der Über-60jährigen laut ARD-ZDF-Onlinestudie 2008 daran (sehr) interessiert sind, aktiv Beiträge zu verfassen und ins Internet zu stellen.

Schleift die Gutenberg-Festung!

Die öffentliche Diskussion in Deutschland wird aber von Skeptikern beherrscht, die unter der „digital divide“ keine zu bekämpfende Ungerechtigkeit verstehen, sondern eine Grenze, die unter allen Umständen verteidigt werden muss. Die Gutenberg-Festung. Der zentrale Punkt ist: Sie bräuchten, wie oben in dem Proust-Zitat gesagt, „neue Augen“, um diese Wirklichkeit (It’s the reality, stupid!) zu erkennen. Genau darum geht es in der netnographischen Methode der Internet- und Marktforschung, die immer mehr Unternehmen mit Erfolg einsetzen: Dinge sehen und vor allem verstehen, die den Polemikern und Skeptikern verborgen bleiben:

  • unzählige digitale Kulturtechniken und Alltagspraktiken
  • neue Formen der sozialen Gemeinschaftsbildung
  • Wünsche, Leidenschaften und Deutungsmuster der „digitalen Stämme“
  • digitale Marktplätze, auf denen mündige Konsumenten ihre positiven, aber auch negativen Erfahrungen mit Produkten, Marken und Unternehmen berichten
  • zunehmend flüssige und unscharfe Verknüpfungen zwischen den Online- und Offlinewelten
  • das allmähliche Verschwinden von Mittelsmännern und Gatekeepern aller Art

Wir brauchen neue Augen, um die Netzgesellschaft zu verstehen

Kurz, es geht bei diesen „neuen Augen“ darum, tiefer zu blicken und das, was in Blogs und Microblogs, auf Social Networking Plattformen und in den Tausenden Foren und Communitys passiert, richtig zu verstehen. Methodologisch steht ein neues Aufblühen der interpretativen Tradition der Sozialforschung von Max Weber über Erving Goffman bis zu Anselm L. Strauss kurz bevor. Praktisch geht es um nichts weniger als um eine Rückkehr auf den Boden der Tatsachen.

Abbildung: Timothy O’Sullivan: Die Humboldt Berge, Nevada, Wagen und Kamera

0 Comments

  1. Guter Artikel!
    Die angefangenen Gedankenstränge passen sehr gut zu meiner Auffassung: Der digital Divide ist (abgesehen von der technischen Seite) eine künstliche Mauer, die zeigt wie der Diskurs derzeit aussieht. Mittlerweile sind die Entwicklungen on- und offline schwerer voneinander zu trennen als je zuvor. Ich bin auch der Meinung dass nicht mal mehr eine Trennung nötig und auch möglich ist – Vernetzung macht vor Barrieren in Köpfen nicht halt 😉 Aber es wird weiterhin besonders von „oben“ Separation betrieben – eventuell weil an alten Geschäftsmodellen festgehalten wird – aus Angst, die Zügel völlig zu verlieren (obwohl sie meiner Meinung nach dazu erstmal aufgenommen werden müssten).

    Deshalb auch der Drang zu qualitativen Evaluationsmethoden: Je komplexer ein Diskurs wird, desto komplexer werden auch die Haltungen. Da wird aus einem „Ja oder Nein“ (welches die noch gewünschte Binär-Währung für die Vermarkter ist) eine weitreichende Skalierung von Wertkonstellationen, die sich natürlich nicht in klassischen Werten ausdrücken lässt.
    Wir müssen uns darauf einstellen, dass Menschen ein klein wenig komplexer sind, als es uns die bisher etablierten Kennzahlen glauben lassen wollen.

    In diesem Sinne sind die „neuen Augen“ menschlicher, als die mechanischen Lochkartenleser, die uns derzeit die meisten Daten liefern.

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