Social Media: Ohne mehr Engagement droht Krise

By Alexander Becker
In April 5, 2009

Felix Schwenzel blogt anlässlich der Kritik an der re:publica: „Das problem sind nicht nur „die da oben“, sondern dass von unten, von rechts, von links nix kommt, dass kaum einer bereit ist selbst was zu machen, selbst zu reden, selbst zu schreiben, sich hinzustellen und stellung oder prügel zu beziehen.“

Cem Basman antwortet: „Recht hat er. Fast. Es gibt in Deutschland vielleicht 20 Webaktivisten, mit Unterstützern vielleicht 40-50 weitere, die sich regelmässig vor den Karren spannen und Events “von unten” zu spannenden Themen machen.“

Und auch ich sage: Recht hat er. Ich gehe aber noch einen Schritt weiter: Vor allem der Bereich Social Media braucht dringend noch mehr engagierte Leute, die bereit sind über das Für und Wider von Social Media zu streiten und zu überzeugen. Sonst verkommt eine der wichtigsten Marketing-Trends der letzten Dekade zu einer reinen Worthülse. Social Media hat die Kraft, die Werbung, die PR und vor allem das Kunden/Produzenten-Verhältnis grundlegend zu ändern. Von selbst passiert aber nichts. Man muss sich engagieren, für seine Sache eintreten.

Beim Gründungstreffen des Hamburger Social Media-Clubs sprach Mark Pohlmann bezeichnenderweise über das Thema: „Reden reicht nicht. Von der Liebe zu Social Media zum Zwang zu mehr Professionalität”. Pohlmann analysierte treffend: „Aufregen ist die Triebfeder des Bloggens.“ Doch nur ärgern bringt nichts. Wir müssen mehr mitmachen. „Ich wünsche mir mehr Kommentare, die eine weitere Information beisteuern, als eine weitere Einzel-Meinung“. Denn: „Es werden einfach zu wenige Probleme thematisiert. Die Beobachter-Position ist scheiße.“ Damit hat der Mark recht: Wir müssen alle einfach noch mehr mitmachen.

0 Comments

  1. Die Protagonisten der Bewegung spüren die 90-9-1-Regel am eigenen Leibe. Lustig.

  2. Ich habe den Eindruck, dass hier ein neuer Mythos entsteht: Der mündige Bürger-Journalist als Ersatz für den korrumpierten Business-Journalisten. Aber das ist anarchistische Träumerei (die ich gerne teile, aber nur mit dem Herz, nicht mit dem Verstand).

    Die menschliche Entwicklung zeigt uns ein anderes Muster: Arbeitsteilung. Jede Tätigkeit wurde zunächst von Allroundern ausgeübt und dann in Einzelschritte zerlegt.
    Ein Steinzeitjäger konnte Faustkeile viel effizienter und besser herstellen als jeder heute lebende Mensch. Aber heute haben wir das Universal-Werkzeug in 300 Funktionen von Küchenmesser über Schraubenzieher bis Gartenschere zerlegt, und jedes dieser Werkzeuge wird in zwei Dutzend Teilschritten erzeugt. Also Hunderte Berufe statt einem.

    Das gleiche gilt für den Journalismus. Wo in der Antike ein Barde tätig war, haben wir heute schon ein Dutzend Berufen vom Reporter über den Redakteur bis zum Kolporteur.
    Und das wird sich in den Social Media noch viel weiter aufsplittern. Wir werden nur wenige Blog-Reporter erleben, die so kompetent arbeiten können wie ein professioneller Reporter. Aber wir werden Tausende Spezialisten erleben, die winzige Arbeitsschritte erledigen, damit die kollektive Intelligenz des WWW daraus brauchbare Nachrichten und Kommentare erzeugt.
    Schon jetzt gibt es Trend-Spürer (Twitter) und Vor-Ort-Handy-Fotografen (Flixwagon), Bild-Datenbank-Redakteure (Flickr), Hintergrund-Rechercheure (Wikipedia) und Online-Redaktionskonferenzen (was wir hier eben tun). All das ergibt zusammen einen virtuellen “Konzern” (lat. gemeinsam streben), in dem Spezialisten ihren Teil der Arbeit beisteuern, damit am Ende ein Produkt heraus kommt.

    Aber dieses Produkt können wir kaum wahrnehmen: So wie der Steinzeitmensch angesichts seines Faustkeils nicht einmal träumen konnte von einem Baumarkt voll Stanleymessern, Schusterahlen und Brieföffnern, und so wie der Industriearbeiter am Fließband nur ein paar Schrauben sieht, aber nicht den fertig montierten BMW oder Apple, so können auch wir uns nicht vorstellen, dass jeder Kommentar, den wir hier posten, Information montiert, filtert, konzentriert, reinigt, raffiniert und optimiert, bis ein Produkt entsteht wie der Begriff Social Media (den es vor 10 Jahren noch nicht gab), eine Wortwolke oder ein Balkendiagramm mit den eben global aktivsten Wörtern, wie sie Twitscoop veröffentlicht.

    Der Steinzeitjäger hätte alles für ein Skalpell gegeben und hätte nichts mit einem Brieföffner anfangen können – und ebenso sind viele der Informationsprodukte, die wir hier gemeinsam erzeugen, extrem nützlich oder derzeit noch nicht einmal denkbar, weil uns nicht einmal Anwendungen dafür einfallen.

    Aber wir, die Social Media, werden sie produzieren: die Produkte und die Anwendungen.

  3. Pingback: re: re:publica 2009 - StyleSpion

  4. Warum ist es schlimm, wenn eine Chance auf Marketing vertan wird? Versteh euch nicht.

  5. Kann euch nicht recht geben. Gerade wir Musik-Blogger nutzen Social Media intensiv um neue Bands – auch ohne Plattenvertrag – zu finden und sie einem breiteren Publikum vorzustellen. Vieles der damit verbundenen Arbeit läuft jedoch hinter den Kulissen und nicht öffentlich via Twitter.

    Inzwischen haben natürlich auch Majorlabel + Musikpromo-Firmen die neue Macht entdeckt und versorgen uns gut – nur ein großer Teil der Musiker, über die wir schreiben findet in den etablierten Medien (noch) nicht statt.

    Wie gesagt, ein wichtiger Bestandteil von Social Media ist immer noch die PM 😉

    Liebe Grüße
    Brigitte

  6. Hört sich hier jetzt fast so an, als müsse die Basis (also Allerweltsblogger) professioneller werden, damit die Leute, die Social Media als Werbemedium nutzen, damit besser fahren 😉

    Ich denke aber auch, dass es Felix nicht so sehr um den kommerziellen Social Media Bereich ging, sondern einfach darum, dass ein jeder Allerweltsmensch was machen sollte (denn können tut es dank der Technik ja fast jeder), wenn der ganze Bereich weiterkommen will, vor allem gesellschaftlich.

    Was aber die Relevanz des kommerzielleren Social Media-Bereichs betrifft, so stimme ich Frank hier voll und ganz zu. Es muss eben persönlicher werden, steht ja auch alles erst seit Jahren im Cluetrain Manifesto.

    Ansonsten muss ich aber sagen, langweilen mich die meisten Barcamp-Sessions zu “social media in Unternehmen” etc. aber auch nur noch.. Ich habe so das Gefühl, dass da all die hingehen, die den magischen Schlüssel zu mehr Erfolg suchen, wogegen man doch einfach all die Dinge leben muss, um zu wissen, was man tun sollte. Da braucht’s dann gar keine Session mehr zu.

    (und normalerweise wird bei diesen Sessions ja auch nichts neues erarbeitet, sondern einer trägt vor und alle hören zu. Ich denke, vor allem diese Konsumentenhaltung muss sich ändern).

  7. Nicht mehr professionalisieren, sondern realistischer werden!

    Ein Corporate-Twitter-Feed ist zwar schön und gut, aber wenn dieser zu 95% aus höchsprofessionellen Links zu höchstprofessionellen Pressemitteilungen oder höchstprofessionellen Corporate-Blog-Einträgen besteht, interessiert das niemanden.

    Social Media lebt vor allem von der Authentizität der Nutzer. Die persönliche Meinung sollte mehr im Vordergrund stehen, als die Pressemitteilungen des Unternehmens, dann kommt der Rest ganz von alleine.

    Ich bin zum Beispiel zu einem Webseiten-Hoster gewechselt, weil ich dessen Blog gelesen habe, und zwar schon länger, als ich bei diesem Hoster bin. Ich habe mich für diesen Hoster entschieden, weil das Blog aus persönlichen meinungen und persönlichen Ansichten des Bloggers (Geschäftsführer dieses Hosters) bestand, und nicht aus Pressemitteilungen des Unternehmens.

    Ich denke, das geht vielen so.

  8. Mark hat Recht. Wir müssen mehr professionalieren. Ich werde darüber nachdenken. Und für mich einen Entschluss fassen.

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