Wie Twitter alles verändern wird

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Siemens-Sirene (CC-Lizenz)Ich bin nun wirklich nicht dafür bekannt, besonders zurückhaltend zu sein, wenn es um das Thema Microblogging und die damit verbundenen Veränderungen des kommunikativen Substrats unserer Gesellschaft geht. Aber wenn ich die Twitter-Predigten lese, die zur Zeit in den US-Magazinen nahezu täglich erscheinen, wird mir schon etwas komisch zumute. War der US-Journalismus tatsächlich in den letzten Jahren und Jahrzehnten so langweilig, dass die Redakteure und Journalisten jetzt plötzlich beim Betrachten und Verfassen von 140-Zeichennachrichten merken, dass sie noch am Leben sind? Oder stecken ganz andere Gründe dahinter?

Das jüngste Beispiel liefert das Magazin Time, das nicht nur Twitter auf die Titelseite gebracht hat, sondern darüber hinaus dem Phänomen ein mehrstimmiges Artikelfeuerwerk unter der Sammelbezeichnung „10 Ways Twitter Will Change American Business“ widmet. Okay, so ganz stringent sind die Artikel dann auch nicht unter diesen Titel zu bringen, sondern es handelt sich hier eher um einen Rundumschlag, der im Grunde genommen nur eine Quintessenz besitzt: Twitter Will Change Everything. Was genau wird sich verändern? Vor allem wird sich Twitter zu einem Medium entwickeln, in dem Marken definiert und gelebt werden, Marktforschung betrieben wird, Waren gekauft werden und Gemeinschaften gepflegt werden. Hier nun die 10 Veränderungen aus dem Artikel mit meinen Anmerkungen:

1. Hyperlokales Marketing: In Verbindung mit GPS-Koordinaten oder simplen Ortsangaben verwandelt sich Twitter in eine geosensitive Suchmaschine, die vor allem für Kleinunternehmen eine große Chance darstellt. Also: Restaurants, Modeläden, Diskotheken oder Galerien sollten schleunigst das Microbloggen anfangen, denn laut Douglas A. McIntyre winken große Vorteile: „The hyper-local marketing aspects of Twitter have the potential to move billions of dollars of business to and from retailers based on targeted marketing.“

2. Außenwerbung 2.0: Twitter kann auch dazu dienen, die gute alte Plakatwerbung zu reanimieren bzw. ihr ein schickes crossmediales Kostüm zu verpassen. Die Idee, Twitter als Validierungsinstrument für die Rezeption von Plakaten oder Zeitungswerbung zu verwenden, halte ich für wenig überzeugend. In Deutschland haben wir die MA Plakat der ag.ma, die diesen Zweck hervorragend erfüllt. Aber: Plakate sind klassische one-way-Kanäle. Vielleicht kann hier durch das Microblogging, das ja zunehmend über mobile Endgeräte läuft, etwas mehr Interaktivität Eingang finden. Ich sehe in der Kreuzung von Außenwerbung, Microblogging und Geocaching ein spannendes Werbeumfeld mit großem Engagement- und Wachstumspotential.

3. Microbörse: Das hört sich schon überzeugender an. Twitter als globales 24/7-Parkett für Börsendiskussionen, -gerüchte, -analysen und -daten. Mit StockTwits gibt es schon einen ersten Dienst, der in diese Richtung geht. Es werden sicher noch einige mehr dazukommen. Aber damit wächst auch die Gefahr des bewussten Verbreitens von Falschinformationen um die Kurse im eigenen Sinn zu manipulieren.

4. Tweets are a Blogger’s best friends: Dieser Punkt ist wichtig. Microblogging wird aufgrund seiner Geschwindigkeit und Vernetzung – es geht nicht nur um Reichweite, sondern darum, wie schnell man eine Reichweite aufbauen kann – zu einem Scharnier zwischen den unterschiedlichen Mediengattungen. Twitter vernetzt Onlinemagazine, Blogs, Forendiskussionen, Social Networks und Multimediaseiten und kann auf diese Weise spannendere Geschichten erzählen als es auf einem einzelnen Kanal möglich ist. Vielleicht kann man hier tatsächlich von einer Demokratisierung des Traffic sprechen: „Twitter also democratizes traffic, because on Twitter, traffic does not have to be paid for.“ Ich bin gespannt, wie lange das der Fall sein wird.

5. Marktforschung: Das Vorurteil, dass man in 140 Zeichen keine Marktforschung betreiben kann, habe ich z.B. in meiner netnographischen Studie über Weißweinpräferenzen auf Twitter widerlegt (hier als pdf). Die Ausführlichkeit kann hier durch die Pointiertheit des Schreibens mehr als ausgeglichen werden. Zudem hat man es hier nicht mit abstrakten und hypothetischen Zielgruppen zu tun, sondern mit gelebten Gemeinschaften, ihren kulturellen Besonderheiten, Ritualen, Traditionen, Symbolen etc. Doch mit der Analyse dieses zum Teil sehr privat und ideosynkratisch genutzten Mediums wachsen auch die Anforderungen an einen verantwortungsvollen Umgang mit diesen halböffentlichen Daten. Die entsprechenden Ethik-Richtlinien für die Onlineforschung müssten wahrscheinlich noch einmal hinsichtlich dieses Mediums näher unter die Lupe genommen werden.

6. Rettungsring für TV und Print: Auch hier zeigt sich die Scharnierfunktion des Microbloggens. Die ausführlichen Meldungen, Hintergründe, Zusammenfassungen stehen in der Zeitung, auf der Webseite oder sind als Video verfügbar – über Twitter wird aber das interessierte Publikum auf diese Inhalte gelenkt. Die Microblogger als digitale Schäfer oder Viehhirten. Da Links auf Twitter (noch nicht?) gekauft werden können, hat dies vielleicht sogar den Effekt, dass es einen echten Wettbewerb um die beste Qualität gibt. Wer eine Nachricht am besten aufbereitet, bekommt die meisten Retweets.

7. Bezahlen in 140 Zeichen: Werden sich Dienste wie TwitPay durchsetzen, mit deren Hilfe man kleinere Geldbeträge von Twitterer zu Twitterer transferieren kann? Die positive Seite: Durch Micropayments können Gelttransaktionen wieder in echte soziale Beziehungen verwandelt werden. Die negative Seite: Twitter könnte sich in einen riesigen globalen Schwarzmarkt verwandeln: „One of the results of this kind of vast and unregulated system for transferring cash and credit is that it could create a sort of black market in goods and services, which would be hard for the government to track and tax.“

8. Veränderung der Telekommunikation: Wird Twitter das Verschicken von SMS verdrängen? Da man seine Statusmeldungen über das Browser-Interface verschicken kann, bekommen die Mobilfunkanbieter gar nicht mehr mit, wer wieviele Nachrichten verschickt und noch dazu ist das Microbloggen in der Regel günstiger als das SMSen. Wenn die ersten Handys statt einer SMS-Funktion eine Twitter-Funktion eingebaut haben – wer wird dann noch SMS nutzen? [Oder MMS, eine längst veraltete Technologie, demnächst auch auf Ihrem iPhone, SCNR]

9. Sirene 2.0: Das Radio hatte sich in den 1930er Jahren als Propaganda-, aber auch Schnellwarninstrument durchgesetzt. Ein echtes Massenmedium, das eine Echtzeitansprache einer großen Menschenmasse ermöglichte. Diese Grundfunktion der Warnung vor Katastrophen spielt bis heute eine Rolle. Nur: In Notfällen kann die Bevölkerung jetzt nicht mehr nur über TV, Radio oder Sirenen (siehe Abbildung) informiert werden, sondern auch per Tweets direkt aufs Handy. Die bisherigen Katastrophentweets zu Erdbeben, Terroranschlägen und Flugzeugabstürzen haben gezeigt: Die Notfallwarnung über Microbloggingnetzwerke ist mit Abstand der schnellste Kanal. Durch die engmaschige Netzwerkstruktur ist es gar nicht nötig, dass jeder eine Warnung weitergibt. Wenn das nur ein Bruchteil meiner Twitterkontakte tut, wird mich die Warnung erreichen. Aber das funktioniert auch in die andere Richtung. In Verbindung mit GPS wird Twitter zum kostengünstigen persönlichen Notfallmelder.

10. Micro-Fundraising: Der letzte Punkt des TIME-Artikels betrifft die Möglichkeiten, über Twitter Spenden zu sammeln. Der Autor Douglas McIntyre sieht hier das Potential für eine Restrukturierung des Non-Profit-Sektors, denn „if social or political groups on Twitter want the government to get a feel for the power of their movements, they can encourage government agencies, Congress or the White House to follow them as they collect money and work to effect social change.“

Fazit: Ich halte es für wenig wahrscheinlich, dass sich Twitter – warum ist immer nur von diesem einen Dienst die Rede und so selten z.B. von seinem Open-Source-Bruder laconica? – für alle diese 10 Aspekte als eine brauchbare Plattform herauskristallisieren wird. In vielen Fällen wird es in der jüngsten Zukunft mit Sicherheit eine neue Plattform geben, die dafür noch besser geeignet ist. Aber dass das Microblogging zumindest das Potential besitzt, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft sowie die darin bestehenden Kommunikationsstrukturen auf mehr als nur eine Weise zu verändern, dürfte nach Lektüre des TIME-Artikels deutlich werden.

Ob man nun diesen Tendenzen zustimmt oder nicht – die Diskussion im angelsächsischen Sprachraum ist der deutschen mittlerweile meilenweit voraus. Denn während man dort schon konkrete Tendenzen, ihre Vorteile und Risiken diskutiert, sehen viele Meinungsmacher in Deutschland in Twitter nicht viel mehr als eine weitere Klowand, an die man irrelevante Dinge schmieren kann. Schade eigentlich.

[Abbildung: Sirene von MdE, CC-Lizenz, Quelle: Wikipedia]

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4 Antworten
  1. Jens
    Jens says:

    Nun wird es sicherlich so sein, dass alle ein wenig Recht haben werden, was Twitter angeht und doch alles anders kommen wird. Irgendwie ist das so mein Gefühl. Twitter entwickelt sich mehr und mehr sowohl zum unabkömmlichen Werkzeug in der Netzwelt….leider aber auch zum Nerv- und Störfaktor….SPAM sei dank…man wird abwarten und sich den Entwicklungen anpassen müssen, will man Twitter für sich nutzen…

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  2. eMuddhi
    eMuddhi says:

    Die Twahrheit sagt:
    ein schöner Artikel, fair & ausgewogen, nicht zu einseitig, nicht so polemisch wie MEIN Blog 😉 – aber nichtsdestorotz spinformativ.

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  1. Wie Twitter alles verändern wird…

    Twitter Will Change Everything. Was genau wird sich verändern? Vor allem wird sich Twitter zu einem Medium entwickeln, in dem Marken definiert und gelebt werden, Marktforschung betrieben wird, Waren gekauft werden und Gemeinschaften gepflegt werden….

  2. […] Ob, was und wie viel Twitter wirklich verändern könnte, darüber hat sich Benedikt Köhler hier sehr klickens- und lesenswerte Gedanken […]

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